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Bio ist noch lange nicht Fair
Wenn am heutigen 24. Januar der denns-Biosupermarkt auf der Limmerstraße eröffnet, bekommen eingesessene inhaberInnengeführte Bioläden große Konkurrenz. Ein gravierender Wettbewerbsvorteil der denree-Kette als Eigentümerin der denns-Filialen gegenüber den kleinen Bioläden ist auch die untertarifliche Bezahlung der Beschäftigten. So musste Thomas Greim, Deutschlandchef der Supermarktkette, im taz-Interview einräumen, dass Dumpinglöhne mancherorts zur Geschäftsphilosophie gehörten, da das Unternehmen in der boomenden Biobranche wachsen und expandieren möchte. Da sei es eben auch nötig, schon mal hinter den Löhnen der Discounter des Lebensmitteleinzelhandels zurückzubleiben.(1) Und das, obwohl sich das Unternehmen selbst gerne als nachhaltig bezeichnet und durch faires und zeitgemäßes Handeln erfolgreich sein will.(2)
Dabei würden gerade viele Kunden und Kundinnen eines Bioladens faire Arbeitsbedingungen erwarten und zumindest eine flächendeckende tarifliche Entlohnung als selbstverständlich ansehen. Insbesondere das gute Image von sauber produzierter Ware lockt eine besondere Kundschaft an, die daher fordern sollte, dass fair nicht an der Ladentür aufhört, um tatsächlich guten Gewissens konsumieren kann. Daher bleibt denree mit seinen denns Supermärkten aufgefordert, auch die eigenen Beschäftigten mindestens nach gültigem Tarif zu entlohnen und nicht mit Jobs zu Dumpinggehältern bestehende und von KundInnen akzeptierte Einkaufsmeilen zu zerstören.
Madige Rübchen: Ein Beispiel aus Berlin(3)
Ein weiteres Beispiel für prekäre Arbeitsbedingungen in der Biobranche und den entschlossenen gewerkschaftlichen Kampf dagegen liefert derzeit die Auseinandersetzung auf einem Biohof nahe Berlin. Dort werden die überregional bekannten, biozertifizierten Teltower Rübchen vom gleichnamigen Betrieb angebaut. Eine Gartenbauauszubildende wandte sich bereits im vergangenen Jahr an die FAU Berlin, um auf die betrieblichen Missstände aufmerksam zu machen. Ihre derzeitige Ausbildungsvergütung liegt mit monatlichen 202 Euro 57 Prozent unter dem gültigen Tarifvertrag der IG Bau. Außerdem mangele es an angemessener Wissensvermittlung sowie sanitären Anlagen und beheizten Umkleide- und Aufenthaltsräumen. Die Vermutung, dass hier eine Auszubildende als billige Arbeitskraft missbraucht wird, ist nicht von der Hand zu weisen.
Nachdem der Eigentümer der Teltower Rübchen, der für die Fraktion Die Linke/Bündnisgrüne im Teltower Stadtrat sitzt, einen Gesprächstermin mit der FAU Berlin platzen ließ und sich auch weiter wenig kooperativ zeigte, startete die Basisgewerkschaft eine öffentlichkeitswirksame Kampagne. Bislang wurden auf vier Wochenmärkten in Berlin Flyer verteilt, um KundInnen und VerkäuferInnen über die unhaltbaren Zustände zu informieren. Die Mehrheit reagierte empört und äußerte: Bio geht nur fair!
Das Beispiel verdeutlicht, dass biologische Landwirtschaft und faire Arbeitsbedingungen nicht unbedingt Hand in Hand gehen. Im Gegenteil: (Angeblich) Niedrige Gewinnspannen dienen oft als Legitimation für sittenwidrige Löhne. Der Kampf der Auszubildenden gemeinsam mit der FAU Berlin zeigt aber auch, wie entschlossenes Handeln dem Status Quo etwas entgegensetzen kann. Die Solidarität der KonsumentInnen sollte dem Eigentümer ein Signal sein: Biorüben, die unter unfairen Bedingungen produziert werden, tragen den Wurm in sich. Wir fordern daher zusammen mit der FAU Berlin: Ausbildung statt Ausbeutung! Solidarität mit allen prekär Beschäftigten in der Biobranche!
Manchmal hilft schon fragen
Es darf aber nicht bei einfachen Forderungen bleiben, die nach kurzer Zeit verhallen. Kundinnen und Kunden müssen sich aktiv einmischen. Dafür, dass es sich lohnt auch als Kundin und Kunde darauf zu bestehen, dass faire Arbeitsbedingungen und angemessene Löhne auch in Deutschland die Regel bleiben, gibt es Beispiele.
Durch die von ver.di initiierte Berichterstattung darüber, dass Alnatura keine Tariflöhne zahlt,(4) geriet die Geschäftsleitung zunehmend unter Druck. Die kritischen Nachfragen von KundInnen und die anhaltende Berichterstattung erreichten, dass ein halbes Jahr später Tariflohn bezahlt wurde.(5)
Siegel, Lidl und faire Arbeitsbedingungen
Zu behaupten, dass ein Produkt ökologisch und sozial nachhaltig produziert wurde, ist einfach. Wenn der Produktionsweg nicht offen gelegt ist, sollen Siegel Sicherheit schaffen. Neben den Siegeln von Organisationen, die unabhängige Kontrollen verlangen oder selbst durchführen wie das Fairtrade-Siegel der FLO oder das Naturland-Siegel gibt es viele Siegel, die weniger bis keine Aussagekraft besitzen.
Allen Siegeln ist aber gemein, dass die Kontrolle an der Ladentür aufhört. Über die schlechten Arbeitsbedingungen bei Lidl, die im letzten Jahr den Fairtrade-Award für ihr Engagement im Verkauf von Fairtrade-Waren erhalten haben, wurde schon viel berichtet.
Faire Arbeitsbedingung, existenzsichernde Löhne und uneingeschränktes gewerkschaftliches Engagement muss von der Produktion bis zum Verkauf an die KonsumentInnen durchgehalten werden sonst bleiben Bio und Fair nur Beruhigungspillen für die vermeintliche Weltverbesserung.
Es reicht halt nicht, nur das Richtige zu konsumieren, es gilt Forderungen zu stellen und diese auch durchzusetzen:
Bio geht nur Fair!
Für Existenzsichernde Löhne und angemessene
Arbeitsbedingungen weltweit auch in Deutschland!
Organisieren statt Jammern!
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(1) http://www.taz.de/!83270/
(2) http://www.dennree-biohandelshaus.de/unternehmen/expansion/nutzen_fuer_ihren_standort
(3) Weitere Infos zum Arbeitskampf beim Teltower Rübchen gibts hier:
fau.org/ortsgruppen/berlin; in der taz vom 17.12.2012 (taz.de); im neuen deutschland vom 17.12.2012 (neues-deutschland.de)
(4) http://www.taz.de/!50470/
(5) http://www.taz.de/!56346/
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